REISEBERICHT NORDWEST-PASSAGE

An der Eiskante

Einst war sie das kalte Grab unzähliger Entdecker, heute dringen Reisende durch die Nordwest-Passage zu den einsamsten Orten der Erde vor. Im Sommer 2019 reiste Journalistin und Buchautorin Arezu Weitholz mit der Fram durch die erste Hälfte der Nordwest-Passage. In ihrem Reisebericht nimmt sie uns mit auf ihre Expedition von Grönland nach Cambridge Bay in Kanada.

VON AREZU WEITHOLZ

Journalistin Arezu Weitholz an Bord der MS Fram. Foto: Arezu Weitholz

67' Nord, 50' West, Kangerlussaq

Warmer Wind weht den Passagieren ins Gesicht. Gischt spritzt. In tiefster Dunkelheit, weit draußen in der Bucht, strahlen die Lichter der MS Fram. Sie wird in den nächsten zwei Wochen unser zu Hause sein. Dort werden wir Vorträge über das Klima, die Erde und Entdecker hören, werden an Deck stehen und gelegentlich an Land gehen. Doch in der Hauptsache werden wir fahren, immer weiter nach Norden und dann westwärts durch den Lancastersund Richtung King William Island – sofern es gelingt. Im vergangenen Jahr musste die Fram auf dem Weg zur Nordwest-Passage unverrichteter Dinge umkehren, zu viel Eis. Dieses Jahr soll es gelingen. Muss es gelingen. Denn hinter uns, mit zwei Tagen Abstand, fährt der Stolz der Flotte, das neue Hybridschiff MS Roald Amundsen. Und die möchten da auch gern durch.

69' Nord, 58' West, Atlantik

Die Sonne wirft einen Glitzerkorridor auf die hellgraue See. Immer mal wieder tauchen schwarze Punkte auf. Es sind die letzten Krabbentaucher, die ihre Brutkolonien in Grönland verlassen und nun auf hoher See, fernab von ihren Fressfeinden, das Fliegen lernen. Wir fahren auf einem eiskalten, dunkelblauen Wasserteppich, der ständig in Bewegung ist, und unter dem es bald zweitausend Meter in die Tiefe gehen wird. Im hellgoldenen Himmel türmen sich dunkle Wolkenberge, als wollten sie gegeneinander in den Krieg ziehen. An Steuerbord schwimmt ein Eisberg. Die Luft ist klar, sie riecht nach nichts. Ab heute gewinnen wir fast jeden Tag eine Stunde hinzu. Der Himmel wird neben dem Meer die größte zusammenhängende Masse sein, die wir sehen werden - eine Welt, die nur noch aus Horizont besteht.

Spektakuläre Wolken. Foto: Arezu Weitholz

72' Nord, 62' West, Atlantik

Etwa hier wurden die 129 Mann der Franklin Expedition 1845 zuletzt lebend von Walfängern gesehen, bevor sie für immer im arktischen Eis verschwanden. Sie waren auf der Suche nach der Nordwest-Passage, so wie vor ihnen unzählige andere Entdecker. Unter Deck erklärt die Expeditionsleiterin unsere Route und die aktuellen Eisverhältnisse. Die Fram kann 50 Zentimeter dickes, einjähriges Meereis schieben. Auf der Karte sind das die grünen Stellen. Doch die Flecken im Prince Regent Inlet sind knallrot: mehrjähriges Eis. Der parallel verlaufende Peel Sund ist orange, auch nicht besser. Wenn sich da nichts tut, kommen wir nicht durch. Nicht ohne Eisbrecher.

Anlandung in Crooker Bay. Foto: Andrea Klaussner, Hurtigruten

72'Nord, 77' West, Pond Inlet

Land an Steuerbord. Nebel kriecht durch die zerklüfteten, schwarzen Berge, das Nordende von Baffin Island. Pond Inlet sieht aus, als hätte jemand ein paar Container in einen flachen, staubigen Hang geworfen. Es ist eine für den Norden typische Siedlung, ein Ort, in dem es im Winter bis zu minus 50 Grad kalt wird, an dem Monate lang die Sonne nicht scheint, an dem eigentlich nur die Inuit überleben konnten, und es heute noch tun. Drei Robben stecken ihre Köpfe aus dem Wasser. Eine taucht, schaut, schlägt eine Rolle nach vorn, und man sieht nur noch ihr Hinterteil. Das Eis im Peelsund, erfahren wir am Abend, ist leider noch immer orange. In der Luft schweben Eissturmvögel mit ihrem silber schimmernden weißen Gefieder, die uns folgen wie Groupies einer Rockband.

Pond Inlet. Foto: Camille Seaman, Hurtigruten

Verlassene Siedlung Dundas Harbour auf Devon Island. Foto: Arezu Weitholz

74'Nord, 82' und 83' West, Croker Bay, Dundas Harbour

Ein Eisbär döst im Fels. Kameras klicken. Lächeln umflort die Mienen der Passagiere. Mittags fahren Landungsboote hinaus zum Gletscher von Croker Bay. Eis gleich schwimmenden Scherben treibt um sie herum. Die Entfernungen verschwimmen, man weiß nicht mehr, ob etwas zehn oder hundert Meter entfernt ist. Am Nachmittag spazieren die Passagiere über Devon Island, die größte, unbewohnte Insel der Welt. Mit tosendem Brüllen wirft sich das graue Meer an den Steinstrand. Nieselregen und Nebel verwischen den Blick auf drei windschiefe Häuser, die einsamen Gräber am Hang. Dundas Harbour ist eine verlassene Siedlung der Mountie-Polizei. Felsen schimmern im fahlen Kupferbraun verdorrter Flechten, hellgrau die Steine der Ebene. Hier beginnt die arktische Wüste. Alles an dieser Natur sagt: kehr um, hier kannst du nicht leben.

74' Nord, 91' West, Beechey Island

Langsam taucht die Halbinsel Beechey Island aus dem Nebel auf, wie ein gewaltiger ruhender Wal. In dieser Bucht überwinterte die Franklin Expedition 1845 und beerdigte drei ihrer Männer. Wir laufen über Kalkstein und Dolomit, über raue, scharfe Steine, zersprungen vom eisigen Frost. Es knirscht bei jedem Schritt, man hört nur seinen Atem. Eine unheimliche Ruhe liegt über dem Land. Später spannt sich ein herrlicher Regenbogen über die Bucht. An Bord dann die Nachricht: Wir kommen durch. Ein Eisbrecher der kanadischen Regierung wird uns helfen .

Das Grab von Thomas Morgan, Mitglied eines Suchtrupps nach der Franklin Expedition, Beechey Island. Foto: Camille Seaman, Hurtigruten

Moschusochse in Gjoa Haven. Foto: Hurtigruten

Eis im Peelsund. Foto: Arezu Weitholz

73' Nord, 95' West, Peelsund

Der eisige Wind beißt und zerrt und braust. Wir fahren geradewegs in eine blaugrauweiße Wand. Man sieht nichts und ahnt alles. Auf der Brücke starren konzentrierte Gesichter nach vorn. Noch immer gibt es in diesen Breiten unkartierte Bereiche. Vorhandene Papierkarten sind teilweise 50 Jahre alt. Aus dem McClintock-Kanal treiben Eismassen mit 5 Meilen pro Tag in unsere Richtung, und die Satellitenbilder sind zum Zeitpunkt ihres Eintreffens bereits 8 Stunden alt gewesen. Dazu kommen: schwankender Luftdruck, flache Küstenlinien, und wie um daran zu erinnern, dass das hier keine Sonntagsfahrt ist, steht auf der Seekarte im Bereich der Victoria Strait ein großer Kreis „magnetischer Kompass nutzlos“. Wir folgen dem Eisbrecher Terry Fox - mit zehn Knoten und zwei Kabeln (etwa 370 Metern) Abstand. Plötzlich gibt es einen Ruck, die Fram erzittert, es knarzt, als würde ein Baum brechen. Das war anderthalb Jahre altes Eis.

70'Nord, 96' West, Pasley Bay

Wir sind durch. Der Sandstrand von Pasley Bay wirkt bei sieben Grad Celsius fast sommerlich. Zwischen dem Geröll wachsen bunte Flechten, Pilze, Moos. Von einem Hügel aus sehen wir durchs Fernglas Leben: Drei schwarze Punkte - Moschusochsen. Ein weißer Fleck - eine Schneeeule.

Die Fram in Gjoa Haven. Camille Seaman, Hurtigruten

68' Nord, 95' West. Gjoa Haven

Auf Inuktitut heißt der Ort Uqsuqtuuq und bedeutet „viel Fett“. Heute müsste es heißen: viel Staub. Heftige Windböen wehen. Im Gemeindezentrum unterhalten die Bewohner die Besucher mit Essen und Inuit-Folklore. An den Decken hängen Portraits von Roald Amundsen und seinen Gefährten. Wie Gründerväter schauen sie auf die Gemeinde, und sie sind es gewissermaßen auch. Immerhin haben sie während ihres zweijährigen Aufenthaltes hier den einen oder anderen Nachkommen hinterlassen.

Am Abend: Die See schäumt. Mit aufgerissenen Kämmen treiben die Wellen eilig von uns weg, sie krümmen und wölben sich, rasen zum Horizont, wo die Sonne einen Schauer gelber Strahlen in die Mitte zwischen den beiden Landmassen schickt, die engste Stelle der Simpson Strait.

68'Nord 101' West, Jenny Lind Island

Über das Wasser wischen unsichtbare Hände, die runden Wellenkämme bekommen Zacken, von oben sieht die See aus als würde sie bald kochen. Nebelbänke veranstalten Wettrennen über die sechs Meter hohe Insel. Es schneit. In der Ferne sehen wir ein Schiff, die Roald Amundsen. „Wann haben die uns denn überholt?“, fragt jemand. Sie hatten einen medizinischen Notfall und sind im Konvoi mit drei anderen Schiffen durch die Passage gefahren. Aber wir waren doch die ersten? Ja, wir waren die ersten. Doch das bleiben wir nicht. Für die Amundsen geht die Reise bis nach Nome in Alaska weiter, wir hingegen machen nach der Hälfte Schluss und gehen morgen in Cambridge Bay an Land. Die nächsten Gäste warten schon.

Haben Sie Lust bekommen, auf den Spuren der großen Entdecker die Nordwest-Passage mit uns zu erkunden? Dann werfen Sie einen Blick auf unsere Expeditions-Seereisen.

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